Ab in die Schublade!

Antragsfehler und Kommunikationshilfen!

Stephan

Antragsfehler und Kommunikationshilfen!

Bewerbung zur sozialen Absicherung

Immer wieder werde ich nach Formulierungshilfen und Beispielanträgen für Reha, Rente und Schwerbehinderung gefragt. So individuell wie jeder Patient nun mal ist, so individuell sind auch das Anschreiben und die persönlichen Ausführungen. Darum gibt es auch keinen vorgefertigten Musterfall. Vielmehr möchte ich euch die richtige Kommunikation an die Hand geben, um besser für eure eigenen Sachen einstehen zu können. Schritt für Schritt werde ich euch die wichtigsten Antragsfehler aufzeigen und erklären, wie es richtig funktioniert. Es gibt natürlich keine Garantie, aber die bekommt ihr sowieso nirgends. Es liegt nun mal immer auch an der Laune des Sachbearbeiters und der Kompetenz der Gutachter.

Stellt euch vor, es wäre eine Bewerbung!

Bleibt realistisch – was wollt ihr denn erreichen?

Ihr wollt etwas! Sozialsystem hin oder her – wer etwas will, der ist nun mal in der “Bringschuld”. Also nehmt die Sache ernst! Unfertige Anträge, ein fehlendes Foto und zerknitterte Zettel sind je nach Antragsverfahren auch ein absolutes NO GO. Wenn ihr selbst Unterlagen mitschickt, dann nie im Original. Jeden Schriftwechsel solltet ihr immer in Kopie für euch selbst aufbewahren. Macht euch eine Checkliste für Dinge, die ihr dem Antrag beifügen wollt und vergesst um Himmels willen nicht die Unterschriften.

Es ist nun mal so, dass nicht jede Krankheit auch eine Behinderung ist. Ein Beispiel sind Schilddrüsenerkrankungen: Selbst wenn man einen Haufen an Symptomen hat, zählt da einfach die Tatsache, dass die Hormonersatztherapie ein normales Leben möglich macht. Generell gilt, dass die Gesundheitsstörung schon über sechs Monate bestehen muss bevor diese mit eingerechnet wird.

Bei Kuren/Rehas gilt: Wenn die körperliche Symptomatik nicht reicht, dann macht es auf die Psychoschiene – nur müsst ihr dafür auch den Gang zum Psychologen in Kauf nehmen.

Jetzt reden wir mal Tacheles!

Die Erfahrung zeigt: Die Menschen vom MDK, der Rentenkasse und den Krankenkassen – also deren Mitarbeiter die für Entscheidungen über Anträge zuständig sind – haben leider in der Regel absolut keine Ahnung von seltenen Erkrankungen oder komplexen Krankheitsbildern. Die gehen stereotypisch ihre Listen durch; ohne individuellen Blick. Die Gutachter haben meist nicht mal die fachärztliche AUsbildung welche die Erkrankung betrifft und können daher keine fundierte Begutachtung durchführen. Mal davon abgesehen, dass denen Einzelschicksale am Hintern vorbei gehen, sind die Mitarbeiter von Oben angewiesen möglichst viel abzuschmettern und abzulehnen – Kosten sparen!
Nun gibt es aber Möglichkeiten, den Sachbearbeiter zu beeinflussen. Wie genau das geht, erkläre ich jetzt:

Die richtigen Worte finden!

Bettina Immerkrank                                          
Am Ärztehaus 9
0815X Schlappstedt
Tel.: 010001/11101110
Mail.: Bettina_ist_immerkrank@noodle.com

Betreff: Antrag auf Schwerbehinderung – Ich brauche dringend Kündigungsschutz!
Betreff: Antrag auf Rehabillitation – Ich bin am Ende meiner Kräfte!
Betreff: Antrag auf EU-Rente – Ich kann einfach nicht mehr!

Um gleich die Aufmehrksamkeit des Sachbearbeiters zu gewinnen sollte man einen passenden Betreff wählen der die Wichtigkeit ausdrückt.

Sehr geehrte Damen und Herren,

mein Name ist Bettina Immerkrank, ich bin 38 Jahre alt und alleinerziehende Mutter zweier Söhne.
Marvin ist 13 und Max ist 11. Seit dem die beiden zur Schule gehen arbeite ich halbtags als Steuerfachangestellte in einer kleinen Kanzlei. Nach der Geburt meines zweiten Sohnes stellte man bei mir einen angeborenen Immundefekt fest nach dem ich im Wochenbett eine schwere Lungenetzündung bekam. Ich war schon immer etwas anfälliger, allerdings wurde das früher eher auf andere Sachen geschoben. Trotz der schnell eingeleiteten
Immunglobulinersatztherapie entwickelte ich in den letzten Jahren für PID (primäre Immundefekte) nicht ungewöhnlich, diverse Autoimmunkrankheiten die mich mittlerweile an den Rand meiner körperlichen Belastbarkeit gebracht haben. Die Medikamente haben nun mal alle ihre Nebenwirkungen und ich werde nicht jünger. Es ist mir unangenehm, aber ich muss sagen, dass ich einfach nicht mehr kann. Ich bin am Ende.

Je mehr ihr von euch erzählt und um so offener und ehrlicher ihr die Situation darlegt, desto eher schafft ihr eine emotionale Bindung zum Sachbearbeiter. Lasst euch nicht zu einer Nummer machen und sorgt dafür, dass ihr als Mensch wahrgenommen werdet! Benutzt zusätzlich Fachtermini damit der Sachbearbeiter weiß, dass er es mit einem aufgeklärten Patienten zu tun hat!

Ich habe Weichteilrheuma, also Fybromyalgien, eine chronische Gastritis sowie Morbus Chron. Zum Immundefekt mit Antikörpermangel CVID habe ich noch Bronchieaktasien als Folge der vielen Lungenentzündungen. Mein Leben ist also bestimmt von Magen und Darmschmerzen. Meine sogenannten “Ganzkörperschmerzen” wo ich mich fühle als wäre ich verprügelt worden und Dauerdurchfall gehören genau so dazu wie nächtliche Erstickungsanfälle. Ich bekomme alles an Medikamenten und Behandlungen was nötig ist und habe auch einen der seltenen Spezialisten als Behandler bekommen. Trotzdem geht es mir von Jahr zu Jahr schlechter. Seit neun Monaten befinde ich mich nun in ambulanter psychatrischer Betreuung. Der Kraftakt mein Leben zu meistern, für meine Kinder da zu sein und die Ängste vor der Zukunft haben mich depressiv werden lassen.
Meine Krankmeldungen häufigen sich und den Haushalt schaffe ich kaum noch. Wie soll das nur weiter gehen.

Hier könnt ihr wirklich alles raus holen was geht. Nicht nur ne Krankheit hinschreiben sondern auch was die mit euch macht. Wie wirkt sich das alles auf euer Leben aus und wie geht es euch damit?!

Ich brauch einfach mal eine Erholungspause für den Geist und etwas um körperlich wieder fit zu werden. Das kann es ja so noch nicht gewesen sein. Von einer Reha verspreche ich mir Kraft zu tanken und auch psychisch gestärkt wieder den Alltag meistern zu können…

Ich kann nicht mehr in den Berufsalltag zurück! Nicht in nächster Zeit! Jeder Arzt wird ihnen das bestätigen. Mir ist es unangenehm die Rente zu beantragen allerdings kann ich so wenigstens noch für meine Jungs da sein. Ohne die Rente sitzen wir dann auf der Straße…

Ich benötige den Schwerbehindertenausweis, damit ich einfach einen besseren Kündigungsschutz habe. An Rente will ich jetzt noch nicht denken, aber es nützt auch nichts wenn ich meinen Job verliere weil ich öfter krank bin als andere. Die steuerliche Entlastung wäre ein guter Ausgleich dafür, dass ich auf Grund meiner Gesundheit nicht mehr Stunden machen kann…

Hier könnt ihr noch mal deutlich machen, warum ihr den Antrag stellt und wie extrem wichtig eine Bewilligung für eure Existenz ist. Zum Schluss nehmt ihr den Sachbearbeiter noch in die Pflicht in dem ihr z.B folgende Formulierungen verwendet:

Nun liegt es in Ihren Händen wie es mit mir weiter geht…
Jetzt kann ich nur hoffen, dass Sie verstehen wie hilflos ich bin…
Sie sind nun verantwortlich für mich…

Ich danke ihnen.
Freundliche Grüße von einer ziemlich fertigen Mama,
Bettina Immerkrank

Ja so kann es gehen und manchmal muss man eben auch auf die Tränendrüse drücken. Es steht euch zu und basta. Zusammen mit dem ersten Artikel zum Thema Anträge solltet ihr nun gewappnet sein für ein gutes Antragsverfahren.

Euer Stephan

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