Ab in die Schublade!

Besondere Kinder und Rollenklischees

Stephan

ein Gesellschaftsproblem

Ein Bei­trag für mei­ne Freun­din Danie­la und alle ande­ren, die sich wie ich eine Ver­än­de­rung wün­schen.

Lie­ber Leser und Lese­rin­nen, lie­be Eltern und Groß­el­tern, lie­be Erzie­her und Leh­rer,

was ist nur los mit unse­rer Gesell­schaft? Haben Kin­der, die nicht der Norm ent­spre­chen es wirk­li­ch ver­dient so behan­delt zu wer­den – sind die klei­nen so schlimm? Ist es nicht viel­mehr die eige­ne Unsi­cher­heit von Päd­ago­gen und Pseu­do­päd­ago­gen, die für Ent­schei­dun­gen und Aus­sa­gen sorgt wel­che mich an der Mensch­lich­keit zwei­feln las­sen muss? Haben nicht gera­de die klei­nen, die anders sind unse­ren Schutz, unse­re Für­sor­ge und Ver­ständ­nis ver­dient?

Ich beschäf­ti­ge mich heu­te mal mit einem ganz beson­de­ren The­ma: Kin­der die anders sind.

Bevor ich spä­ter auf das eigent­li­che The­ma zurück­kom­me, muss ich an die­ser Stel­le lei­der etwas Grund­wis­sen ver­mit­teln, um der Trag­wei­te mei­ner Worte auch Bedeu­tung ver­lei­hen zu kön­nen.

Pädagogik – ein schwammiger Begriff

Nor­ma­ler­wei­se geht man bei Pädagogen/Pädagoginnen davon aus, dass es sich um stu­dier­te Fach­män­ner und Fach­frau­en han­delt, die eben gen­au die­ses Fach in inten­si­ven Stu­di­en­gän­gen von der Pike auf gelernt haben. Was im bes­ten Fall stimmt trifft aber nun mal nicht wirk­li­ch immer zu.

Pädagoge/Pädagogin ist kein geschütz­ter Begriff und ich glau­be, des­halb neh­men vie­le an sich selbst so nen­nen zu kön­nen. Vor allem neh­men die­se »Pseu­do­päd­ago­gen« sich auch oft das Recht her­aus, ihre Mei­nung zu Din­gen zu äußern von denen sie sowas von kei­ne Ahnung haben.

Als klei­nes Bei­spiel nen­ne ich ger­ne mei­ne letz­ten Deutsch­leh­rer, der ach so ger­ne mit Päd­ago­ge unter­schrie­ben hat obwohl er im Umgang mit Men­schen ein­fach nur unfä­hig war. Ja, wirk­li­ch bescheu­ert. Ich hab den guten alten Her­ren dann vor ver­sam­mel­ter Klas­se gefragt, wo er denn bit­te schön Päd­ago­ge sei, da er ja schließ­li­ch doch nur Deutsch­leh­rer ist. Er habe ja nur einen Lehr- und kei­nen Erzie­hungs­auf­trag. Zu der Zeit als er stu­diert hat gab es nicht mal ein Prak­ti­kum bevor man die ange­hen­den Leh­rer auf Schü­ler los­ge­las­sen wur­den. Dem konn­te er nichts ent­geg­nen außer der Aus­sa­ge, er kön­ne mich nicht lei­den.

Der Begriff Päd­ago­ge kommt übri­gens aus dem Alt­grie­chi­schen und bezeich­net ursprüng­li­ch – und jetzt kommt’s – den Skla­ven, der den Schü­ler zu sei­nem Leh­rer beglei­tet und geführt hat!

Päd­ago­gi­sche Fach­kräf­te fin­den sich z.B. in den Arbeits­be­rei­chen der Kin­der- und Jugend­hil­fe (wie etwa Heim­er­zie­hung), sozi­al­päd­ago­gi­sche Fami­li­en­hil­fe sowie bei Hort­be­treu­ung, in Kin­der­gar­ten oder Kin­der­krip­pe aber auch in der För­de­rung von kör­per­li­ch und geis­tig behin­der­ten Kin­dern und Jugend­li­chen.

Ins­be­son­de­re die­ses vor­her­ge­hen­de, zur Sozi­al­päd­ago­gik zusam­men­ge­fass­tes Arbeits­feld geht oft­mals flie­ßend in die sozia­le Arbeit über. Des­wei­te­ren haben bei­spiels­wei­se Son­der­päd­ago­gen und Schul­päd­ago­gen oft­mals ein brei­tes Spek­trum an Berüh­rungs- und Schnitt­stel­len (nicht nur an Son­der­schu­len und sozi­al­päd­ago­gi­sch beglei­te­ten Ganz­tags­schu­len). Über zusätz­li­che bzw. erwei­ter­te For­men der Aus­bil­dung oder wäh­rend ihrer prak­ti­schen Tätig­keit spe­zia­li­sie­ren sich man­che Päd­ago­gen wei­ter zum Dro­gen­be­ra­ter, Medi­en­päd­ago­gen, Zir­kus­päd­ago­gen, Erleb­nis­päd­ago­gen, Umwelt­päd­ago­gen oder Sexu­al­päd­ago­gen. Auch hier ver­schwim­men in der prak­ti­schen Arbeit die Gren­zen zwi­schen Erzie­hung, Bil­dung und sozia­ler Arbeit.

Es gibt also nicht »den Päd­ago­gen« und ich den­ke, gen­au da liegt ein gro­ßes Pro­blem. Jeder kocht sein eige­nes Süpp­chen mit sei­nen ganz eige­nen Mei­nun­gen und Vor­stel­lung über die rich­ti­ge Erzie­hung und den Umgang mit Kin­dern und Jugend­li­chen. Eine Haupt­schü­le­rin, die Kin­der­pfle­ge­rin gelernt hat oder ein jun­ger Kerl, nach 2 Jäh­ri­ger Berufs­schu­le Sozi­al­as­sis­tent wur­de, ist genauso Pädagoge/Pädagogin wie eine Stu­den­tin der sozia­len Arbeit oder eben ein Lehr­kör­per.

(Vor­sicht, freie Mei­nung!)

Hab ich ein Recht mich zu äußern?

Mir wird ja ger­ne gera­de aus dem fami­liä­ren Umfeld gesagt, dass ich kei­ne Mei­nung zu Erzie­hungs­fra­gen haben darf, da ich selbst kei­ne Kin­der habe. Aber um Wer­te zu ver­mit­teln und um zu wis­sen, was rich­tig und fal­sch ist, muss ich weder selbst Papa sein noch eine päd­ago­gi­sche Aus­bil­dung genos­sen haben. Den­no­ch möch­te ich jetzt auch den letz­ten Kri­ti­kern sagen, dass ich durch mei­ne Berufs­er­fah­run­gen in der Kin­der­hos­piz­ar­beit, Heilerzie­hungs­pfle­ge und Alten­pfle­ge wohl genug mensch­li­ches Geschick erwor­ben habe, um mich dazu im Rah­men mei­ner eige­nen Mei­nung äußern zu dür­fen.

Wer mich kennt weiß, wie ich mit Kin­dern umge­he – da kamen noch nie Beschwer­den.

Nun habe ich ja mitt­ler­wei­le beruf­li­ch sehr viel mit Eltern zu tun, die laut der Gesell­schaft ein etwas schwie­ri­ge­res Kind haben. Dabei fällt mir ver­mehrt der schlech­te Umgang mit sel­bi­gen auf (womit kei­nes­falls die Eltern gemeint sind).

Da ich es nicht ein­fach so hin­neh­men kann und möch­te, wer­de ich nun mei­nen Senf dazu geben in der Hoff­nung auf ein Umden­ken oder auch nur um den betrof­fe­nen Eltern zu zei­gen, was für tol­le Kin­der sie haben – egal was ande­re behaup­ten.

Überforderung und Unwissenheit

Ich muss jetzt auch mal für die­je­ni­gen spre­chen, wel­che eben gen­au in all den päd­ago­gi­schen Berufs­fel­dern tätig sind – da ist erst mal kei­ner böse oder will den Kin­dern etwas schlech­tes.

Oft spielt auch die Geset­zes­la­ge bei Ent­schei­dun­gen eine gro­ße Rol­le und vie­len päd­ago­gi­sch arbei­ten­den Men­schen sind da auch ein­fach die Hän­de gebun­den (gera­de wenn man an die nied­ri­gen Per­so­nal­schlüs­sel in Kin­der­gär­ten denkt). Meist ist es auch ein­fach schlicht­weg Unwis­sen­heit und eine dar­aus resul­tie­ren­de Angst etwas fal­sch zu machen die für Ableh­nung sorgt. Unse­re Gesell­schaft ist ein­fach nicht flä­chen­de­ckend auf Kin­der mir beson­de­ren Bedürf­nis­sen ein­ge­stellt.

Trotz­dem möch­te ich mit eini­gen Vor­ur­tei­len auf­räu­men um so zumin­dest die Denk­wei­sen zu ändern. Kin­der sind unse­re Zukunft – da soll­ten wir alle an einem Strang zie­hen, wenn wir eine Ver­bes­se­rung der Situa­ti­on bewir­ken wol­len.

Es gibt mei­ner Mei­nung nach drei Berei­che im Bezug auf den Umgang mit Kin­dern, bei denen sich drin­gend etwas ändern muss. Dabei geht es ein­mal um das Rol­len­bild von Jun­gen und Mäd­chen und natür­li­ch auch um »ver­hal­tens­auf­fäl­li­ge« Kin­der sowie den klei­nen Kämp­fern die (wie auch immer) gesund­heit­li­ch ein­ge­schränkt sind und ein ange­pass­test päd­ago­gi­sches Ange­bot benö­ti­gen.

Am ein­fachs­ten ist es, den­ke ich, mit den gän­gi­gen Rol­len­bil­dern auf­zu­räu­men und damit fan­ge ich gleich an.

Jungs und Puppen vs. Mädchen und Autos

Ja, lei­der ist gen­au das ein sehr gro­ßes Pro­blem. Wir leben im Zeit­al­ter der Gleich­be­rech­ti­gung und wäh­rend Schu­len auf Boys- und Girls­days setz­ten um zwecks beruf­li­cher Ori­en­tie­rung mal in die »Berufs­grup­pen des ande­ren Geschlechts« rein­schnup­pern zu kön­nen, die Poli­tik mehr schlecht als Recht ver­sucht eine Frau­en­quo­te durch­zu­set­zen und Män­ner sich aus Angst vor Kon­se­quen­zen mitt­ler­wei­le nicht mehr trau­en einer Frau gegen­über selbst­be­wusst auf­zu­tre­ten, ja, wäh­rend alle dem regen sich immer noch Men­schen dar­über auf, wenn die Kin­der sich nicht so recht in ste­reo­ty­pe Rol­len­bil­der reinzwän­gen las­sen wol­len.

Mal ganz ehr­li­ch, Wie dumm kann man sein?

Es ist doch abso­lut egal ob Lies­chen lie­ber Hosen trägt als Röcke und Paul­chen eine Pup­pe sein liebs­tes Spiel­zeug nennt. Wo ist euer Pro­blem dabei? Darf ein Kind sich nicht selbst ent­de­cken und aus­pro­bie­ren? Darf ein Kind kei­ne Phan­ta­sie mehr haben?

Wollt ihr wirk­li­ch, dass die­se Kin­der nur wegen eurer abso­lut lächer­li­chen Rol­len­kli­schees spä­ter psy­chi­sche Schwie­rig­kei­ten bekommt, nur weil ihr sie in der per­sön­li­chen Ent­wick­lung so stör­ri­sch blo­ckiert habt? Wovor habt ihr denn Angst? Ein jun­ge der umsor­gend eine Pup­pe im Arm hält wird viel­leicht mal gen­au der Erzie­her mit Herz, wel­cher heu­te so oft fehlt. Ein Mäd­chen das mit Autos spielt wird viel­leicht mal eine super Mecha­ni­kern mit dem nöti­gen Fein­ge­fühl für Tech­nik!

Kin­der lie­ben es sich zu ver­klei­den und was ist krea­ti­ver als mal ins ande­re Geschlecht zu schlüp­fen? Erwach­se­ne dür­fen sich jedes Jahr aufs neue an Kar­ne­val und Co. ver­klei­den, sich dabei hem­mungs­los durch die Gegend kopu­lie­ren – aber Kin­der dür­fen nicht mal Spaß haben.

Wer immer noch der Mei­nung ist Mäd­chen brau­chen Rosa und Jungs immer Blau, denen sei gesagt: Ihr lebt in der Stein­zeit und habt nicht begrif­fen, wor­um es im Leben wirk­li­ch geht. Eure Kin­der tun mir leid!

Jetzt bleib doch mal still sitzen

Stun­den­lan­ger Fron­tal­un­ter­richt schon in der Grund­schu­le, zu wenig Bewe­gung im All­tag und nicht alters­ge­rech­te Struk­tu­ren – ja, wen wun­dert es dann, wenn mehr und mehr Kin­der ihre Unru­he nicht zurück hal­ten kön­nen und »auf­fäl­lig« wer­den.

Alles wird immer hek­ti­scher. Man hat schon manch­mal das Gefühl, dass den klei­nen die Kind­heit genom­men wird bevor sie über­haupt die Chan­ce hat­ten die­se so rich­tig aus­zu­le­ben. Ich könn­te jetzt natür­li­ch ewig an unse­rem der­zei­ti­gen Bil­dungs­sys­tem rum meckern, aber brin­gen wür­de es nichts. Ihr sollt nur ver­ste­hen, dass nicht die Kin­der gestört sind son­dern die Gege­ben­hei­ten.

Sobald ein Kind sich nicht in das stren­ge Regle­ment rein zu zwän­gen ver­mag, tre­ten vie­le Schwie­rig­kei­ten auf. Das hat weder was mit dem Ver­sa­gen der Erzie­hungs­be­rech­tig­ten zu tun, noch damit das es ein böses Kind ist. Hier ver­sagt schlicht­weg das Sys­tem – die­se Tat­sa­che soll­te nie ver­ges­sen wer­den. Kin­der mit beson­de­ren Bedürf­nis­sen gehen ein­fach unter und dann darf man bit­te nicht die Klei­nen dafür ver­ant­wort­li­ch machen. Denkt mal drü­ber nach!

Ist der schon wieder Krank

Kin­der mit chro­ni­schen Erkran­kun­gen haben es eh schon nicht leicht. Auch hier ist unser Bil­dungs­sys­tem und auch das Erzie­hungs­we­sen kein Stück auf die indi­vi­du­el­len Bedürf­nis­se ein­ge­stellt.

Da bekom­men Kin­der kei­nen Kita Platz, weil es zu wenig Erzie­her in den Ein­rich­tun­gen gibt um der Sache gerecht zu wer­den und es schlicht­weg an Wis­sen man­gelt. Jugend­li­che dür­fen nicht mit auf Klas­sen­fahr­ten wenn die Leh­rer – berech­tig­ter­wei­se – Angst haben die Ver­ant­wor­tung zu über­neh­men.

Ja, aber denkt dabei auch einer an die emp­find­li­che Psy­che der Kin­der? Ist es ver­tret­bar unse­ren klei­nen Hoff­nungs­trä­gern diver­se Erfah­run­gen vor­zu­ent­hal­ten nur weil sie eben krank sind? War­um gibt es da so wenig Mög­lich­kei­ten ein kran­kes oder behin­der­tes Kind zu inte­grie­ren und ihm eben­falls eine Zukunft zu ermög­li­chen? Ich dach­te wirk­li­ch wir wären wei­ter und nicht mehr in der Vor­kriegs­zeit ohne Chan­cen­gleich­heit. Ein Trau­er­spiel.

Fazit

Es gibt kei­ne schlech­ten Kin­der – nur einen schlech­ten Umgang mit ihnen. Ich mag sie alle, die Auf­ge­dreh­ten, die Anstren­gen­den, die Phan­ta­sie­vol­len, die Kran­ken und die Behin­der­ten.

Kin­der sind Kin­der und soll­ten nun mal auch alle Mög­lich­kei­ten haben, sich ange­passt an ihre indi­vi­du­el­le Situa­ti­on frei ent­fal­ten zu kön­nen. Ein Wunsch­traum, aber einer für den es sich lohnt zu kämp­fen.

Euer Ste­phan

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