Ab in die Schublade!

Corona Feeling

Stephan

Ich lebe dann mal weiter wie bisher.

Liebe Leserinnern und Leser, es ist schon seltsam zu betrachten, was da gerade passiert. Dabei finde ich das Verhalten der Menschen schlimmer als den eigentlichen Virus. - Und der bereitet mir allein schon große Sorgen.

Es hat die letzten Jahre so ziemlich niemanden interessiert, wenn Menschen - wie z.B. ich - schon so gut wie in Einzelhaft gelebt haben. Was geht mir dieses Gejammer auf den Geist. „Mein Urlaub, mein Flug, meine Reise“, „Mein Konzert, mein Fußballspiel, mein Festival“ und „Mein Fitnessstudio, mein Club, meine Partynächte“. Man merkt – die Menschen haben sonst keine Probleme.

Willkommen in der Realität von Menschen aus der Risikogruppe und ich meine nicht die Generation Rente, sondern die Kinder und Jugendlichen, die Erwachsenen und Menschen im mittleren Alter mit teils schweren chronischen Erkrankungen, Syndromen und Behinderungen. Ich denke an die Menschen, die mitten in einer Krebsbehandlung stecken, an Menschen, die schwere Autoimmunerkrankungen haben und immunsuppressiv behandelt werden und ich spreche von den Menschen mit angeborenem oder erworbenem Immundefekt.

Die Risikogruppe muss eh schon immer kämpfen. Kämpfen um Nachteilsausgleiche, kämpfen um Normalität und das Recht auf Teilhabe am Leben. Viele von uns müssen sich seit jeher ungewollt zurückziehen, sind allein und leben mehr Verzicht als das sie leben.

Wisst ihr eigentlich wie viele Menschen durch chronische Erschöpfung, durch ME/CFS, durch starke Überreaktionen des Körpers und andere schlimme Erkrankungen teils Jahre nicht das eigene Haus oder die Wohnung verlassen können? Die scheitern schon daran einen Arzt aufzusuchen, weil sie durch die eigene Erkrankung Zuhause gefangen sind.

Wer jetzt jammert sollte sich in Grund und Boden schämen.

Natürlich sind das alles jetzt große Einschränkungen und ja der Mensch tut sich wirklich schwer in Sachen Verzicht. Auch ist in Krisenzeiten meist jeder sich selbst der Nächste und doch rechtfertig das alles kein asoziales Verhalten und auch kein fehlendes Mitgefühl.

So schlimm die Situation auch ist, manchmal sitze ich hier und der kleine Teufel auf meiner Schulter flüstert mir ins Ohr: „Endlich wissen die auch mal wie das ist“ und ich gebe ihm ganz ohne schlechtes Gewissen Recht.  Hoffen wir nur, dass dieser aufgezwungene Lernprozess auch nachhaltig Früchte trägt. Der Gesellschaft als Ganzes würde es auf keinen Fall schaden.

Wir Risikopatienten müssen uns jetzt mit zusätzlichen Problemen herumschlagen. Wo bekommen wir unser Desinfektionsmittel für den täglichen Bedarf, die Wundversorgung oder für Injektionen her? Ist die Pflege weiterhin gewährleistet? Wer versorgt mich in diesen Zeiten? Von der Angst am Virus zu sterben mal ganz abgesehen.

Mein Respekt gilt allen, die das ganze System noch am Laufen halten. Von der Reinigungsfachkraft über den Aldi Verkäufer bis hin zur Professorin im Labor. Ebenso bin ich dankbar um jeden Gesunden Menschen, der bereit ist zur Blut,- oder Plasmaspende zu gehen. Viele großartige Menschen sind da gerade am Werk.

Wir wollten nie Risikopatienten sein und die Gesunden wollten nie diese Situation... das ist doch schonmal eine gute Basis um sich im Sinne „des gesunden“ Menschenverstandes der Situation entsprechend zu verhalten.

Euer Risikopatient Stephan

PS: Danke an Katja fürs Korrekturlesen.

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