Ab in die Schublade!

Digitale Welten und Spiele

von Jens

Brot Digitale Welten und Spiele

Gaming statt Gammeln

Durch den Launch von Poké­mon GO in Deutsch­land und mitt­ler­weile ganz Europa ist Gaming als Thema wie­der so ziem­lich in aller Munde. Es wird gespielt, bun­des­weit, alters­über­grei­fend und zu bei­nahe jeder Tages­zeit. Das war aber auch vor dem Release des Aug­men­ted Rea­lity Able­gers der belieb­ten Serie von Nin­tendo so, aller­dings eben nicht so auf­fal­lend all­ge­gen­wär­tig.

Nun ist Poké­mon GO als Ver­tre­ter der Casual Games auch nicht unbe­dingt das Maß der Dinge, wenn es um Anspruch und Tief­gang geht. Wie so ziem­lich alle Ver­tre­ter die­ser Gat­tung von Unter­hal­tungs­soft­ware dreht sich der Inhalt eher um das schnelle Spie­len zwi­schen­durch – egal ob man 5 oder 50 Minu­ten auf­bringt, im ver­mit­tel­ten Inhalt ver­än­dert sich in der Regel nicht wirk­lich viel. Für ein klei­nes Spiel­chen in der Pause, beim War­ten auf den Bus oder eben ein­fach kurz zwi­schen­durch also genau rich­tig. So ein­fach wie das Prin­zip so viel­fäl­tig sind auch die ange­bo­te­nen Titel. Daher werde ich nun auch keine Auf­zäh­lung von Apps, Face­book Games und Co. anle­gen, denn ich möchte eigent­lich auf die andere Art von Spie­len ein­ge­hen:

Hardcore Gaming

Ich per­sön­lich emp­finde den Begriff “Hard­core Gamer” für jeman­den, der sich lie­ber mit Spie­len befasst die eine Geschichte erzäh­len und/oder inhalt­li­chen Tief­gang bie­ten zwar etwas unpas­send, aber die Bezeich­nung hat sich in der inter­na­tio­na­len Bericht­erstat­tung in den letz­ten Jah­ren nun mal durch­ge­setzt. Kurz gesagt ver­steht man unter Hard­core Gaming all jene Titel, die einen gewis­sen Zeit­auf­wand sei­tens der Spie­ler benö­ti­gen um ihren Zweck zu erfül­len – etwa weil eine viel­schich­tige Story prä­sen­tiert oder eine große Welt zum Erkun­den ange­bo­ten wird.

Wer vor­her mit Com­pu­ter- und Video­spie­len nichts zu tun hatte, evtl. mal ein wenig Candy Crush auf dem Smart­phone zockt, dem fällt es oft­mals schwer den Sinn hin­ter der zum Teil stun­den­lan­gen Beschäf­ti­gung mit bei­spiels­weise den Tri­ple-A Titeln (das äqui­va­lent zu Block­bus­tern in der Film­in­dus­trie) der gro­ßen Publis­her zu ver­ste­hen.

Wo wir aber auch schon den pas­sen­den Ver­gleich haben: Filme und Serien. Es gibt kaum jeman­dem in mei­nem eige­nen Bekann­ten­kreis – okay, dort sind eh schon viele Gamer zu fin­den – der nicht gerne den Abend mit dem Schauen von Serien oder Fil­men ver­bringt. Für letz­te­res wird sogar tat­säch­lich hin und wie­der der Gang ins Kino ange­tre­ten. Man bekommt immer­hin zwi­schen 30 und 180 Minu­ten span­nende, lus­tige oder auch gru­se­lige Unter­hal­tung gebo­ten. Als Zuschauer rein pas­siv.

Was aber, wenn ich statt 2 bis 3 Stun­den pas­si­ver Berie­se­lung bis zu zum Teil 80 Stun­den aktive Inter­ak­tion gebo­ten bekomme, in der ich den Ver­lauf der Hand­lung auch noch beein­flus­sen oder sogar voll­stän­dig bestim­men kann? Klingt erst mal gar nicht schlecht, oder?

Vielfalt für jeden Geschmack

So viel­fäl­tig wie die Gen­res in Film und Fern­se­hen (über den Sinn von letz­te­rem muss man ja mitt­ler­weile auch lei­der eher strei­ten), so umfang­reich ist auch das Ange­bot an Spie­len für PC und Kon­sole. Vom schnel­len Action-Titel, digi­ta­len Sport, Wirt­schafts­si­mu­la­tio­nen über umfang­rei­che Rol­len­spiele bis hin zu Adven­tures die tief­sin­nige Geschich­ten erzäh­len und einen zum Nach­den­ken brin­gen – es gibt eigent­lich nichts, was es nicht gibt.

Auf die ein­zel­nen Gen­res näher ein­zu­ge­hen würde hier jetzt lei­der den Rah­men spren­gen – was nicht heis­sen soll, dass ich es nicht spä­ter in sepa­ra­ten Arti­keln nach­ho­len werde. Es gibt ein­fach viel zu viele wirk­lich gute Games, die es mehr als nur ver­dient haben mal vor­ge­stellt zu wer­den.

Spielgefühl

Als Bei­spiel nenne ich ein­fach mal das im letz­ten Jahr erschie­nene Adven­ture “Life is strange”, wel­ches die Geschichte um die Foto­gra­fie­stu­den­tin Max (eigent­lich Maxine) erzählt, die ver­sucht mit ihrer über­ra­schend erwor­ben Fähig­keit die Zeit zu mani­pu­lie­ren das Leben ihrer bes­ten Freun­din Chloe zu ret­ten und dabei immer wei­ter in ein chro­no­lo­gi­sches Chaos hin­ein­ge­zo­gen wird.

Was wie die Hand­lung eines Fan­tasy-Films oder einer ame­ri­ka­ni­schen Serie klingt, fühlt sich für den Spie­ler beim eige­nen Spie­len auch genau so an – wir fie­bern mit der Prot­ago­nis­tin mit, zögern bei Ent­schei­dun­gen, unwis­send über die Kon­se­quen­zen im Raum-Zeit-Gefüge und ban­gen um das Schick­sal der Freun­din – und sind umso scho­ckier­ter als wir ihr im Ver­lauf der Geschichte ihr, die nun ans Bett gefes­selt nur noch vor sich hin vege­tiert, auf eige­nes Bit­ten hin das Leben neh­men sol­len um dem Leid ein Ende zu machen.

Wer von die­ser Hand­lung nicht ergrif­fen ist, der wird auch kei­nen Film wirk­lich genies­sen kön­nen. Was aber noch viel wich­ti­ger ist: Da wir aktiv am Gesche­hen im Spiel teil­ha­ben, sind wir kogni­tiv auch viel tie­fer im Dar­ge­bo­te­nen invol­viert. Das Gehirn des Spie­lers sieht nicht nur etwas das vor ihm pas­siert son­dern erlebt den Inhalt als eige­nes Tun – was inter­es­san­ter­weise auch beim pas­si­ven Zuschauen pas­siert, etwa wenn wir zuse­hen wie ein Freund zockt (im Gegen­satz zum Filme schauen). Ich ver­mute aber stark, das die­ser Umstand mit dem Wis­sen um de Mecha­nik des Spie­lens ver­bun­den ist – wer weis, wie es ist selbst zu zocken, der kann sich auch in das Spie­len eines ande­ren hin­ein­den­ken. So ist es zum Bei­spiel bei mei­nem Mann Ste­phan. Wenn ich abends meine Zeit einem Titel meine Wahl auf der Kon­sole widme, fie­bert er teil­weise mehr mit als ich.

Screenshot aus "Life is Strange" (Quelle: lifeisstrange.com)
Max und Chloe (Quelle: lifeisstrange.com)

Games die das Leben verändern

Von Ste­phan stammt auch ein Aus­spruch, der mich nach wie vor fas­zi­niert: “Die­ses Spiel hat mein Leben ver­än­dert”. Was er meint ist die Tat­sa­che, dass in eini­gen Titel aus der Kom­bi­na­tion von Erzähl­weise, der Mög­lich­keit zur Inter­ak­tion und dem Design eine Art vir­tu­elle Rea­li­tät erschaf­fen wird, in der wir unter­be­wusst auto­ma­ti­sch mehr­schich­tige was-wäre-wenn Gedan­ken­gänge ent­wi­ckeln sowie durch­spie­len – und dadurch auch unser eige­nes Den­ken und dar­aus resul­tie­ren­des Ver­hal­ten reflek­tie­ren. Wir bekom­men von den Ent­wick­lern durch die Cha­ra­kere, deren digi­ta­les Lebens­um­feld und Umstände einen indi­rek­ten Spie­gel vor­ge­hal­ten und wer­den zum Nach­den­ken gebracht. Das ist mehr als so man­cher Päd­agoge zu Stande bringt. Natür­lich gilt das nicht für alle Games, aber eben für mehr als nur ein paar.

Warum so viele Men­schen Com­pu­ter- und Video­spie­len so nega­tiv gegen­über­ste­hen? Ganz ehr­lich? Ich weis es nicht. Ich denke, zu einem gro­ßen Anteil sind es ein­fach über­nom­mene Vor­ur­teile und schlichte Unwis­sen­heit bzw. das Bild das von den klas­si­schen Medien über das Thema ver­brei­tet wird (ich sage nur Kil­ler­spiel-Debatte). Dabei sind viele Games mehr als nur Unter­hal­tungs­me­dien – Sie sind eine eigene Art von Kunst und soll­ten auch so gese­hen wer­den. Video­spiele sind nicht immer nur sinn­freie Dad­de­lei, sie kön­nen viel mehr sein, wenn man ihnen die Chance gibt sich zu offen­ba­ren.

Also, schnappt euch ein gutes Spiel und gebt dem Medium die Chance die es ver­dient – Gaming statt Gam­meln!
Euer Jens

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