Ab in die Schublade!

Schwerbehinderung bei PID

Stephan

Lie­be PID Pati­en­ten, lie­be Angehörige,

das The­ma Schwer­be­hin­de­rung oder Schwer­be­hin­der­ten­aus­weis ist ein wirk­li­ches Dau­er­the­ma und bringt wie­der und wie­der aller­lei Fra­gen mit sich. Ich habe mich nun hin­ge­setzt und ver­sucht einen ver­ständ­li­chen Über­blick zum The­ma mit direk­tem Immun­de­fekt-Bezug, zu schaf­fen. Viel­leicht bekommt ihr so einen rea­lis­ti­schen Blick auf die Ent­schei­dun­gen der Ver­sor­gungs­äm­ter und ver­steht war­um nicht alles was “krank” ist auch als “Behin­de­rung” ange­se­hen wird.

Grundsätzliches

Als Behin­de­rung gilt die Aus­wir­kung einer oder meh­re­rer nicht nur vor­über­ge­hen­der Beein­träch­ti­gun­gen auf die Teil­ha­be am Leben in der Gesell­schaft. Die­se Beein­träch­ti­gun­gen müs­sen auf einem regel­wid­ri­gen kör­per­li­chen, geis­ti­gen oder see­li­schen Zustand beru­hen. Nicht vor­über­ge­hend bedeu­tet, min­des­tens 6 Mona­te lang; regel­wid­rig bedeu­tet, abwei­chend vom Lebens­al­ter typi­schen Zustand.
Das bedeu­tet also, dass der Antrag erst gestellt wer­den kann, wenn die Gesund­heits­stö­rung schon län­ger als ein hal­bes Jahr zu Beein­träch­ti­gun­gen führt oder füh­ren wird. Das lässt sich immer nur anhand von Arzt­brie­fen nach­wei­sen, wes­halb man nicht ein­fach sagen kann, dass man die­se Sache schon seit Jah­ren hat.

Krankheit und Behinderung ist ein Unterschied

Nicht alle Krank­hei­ten recht­fer­ti­gen einen GdB. Im Prin­zip kann alles, was wie­der geheilt wer­den kann oder was gut mit Medi­ka­men­ten zu behan­deln ist, nicht als Behin­de­rung im eigent­li­chen Sin­ne aner­kannt wer­den. Die durch Krank­hei­ten ent­stan­de­nen Schä­den und Defi­zi­te aller­dings schon. Man­che Pro­ze­du­ren oder Erkran­kun­gen recht­fer­ti­gen eine aner­kann­te Behin­de­rung auf Zeit. Die­se Befris­tung stellt z.B.die soge­nann­te Hei­lungs­be­wäh­rung dar, also die Zeit in der sich Trans­plan­tier­te oder Krebs­pa­ti­en­ten erho­len, bis sie letzt­end­lich “geheilt” sind.

Ob ein Schwer­be­hin­der­ten­aus­weis befris­tet oder unbe­fris­tet aus­ge­stellt wird hat unter­schied­li­che Grün­de. Die eben genann­te Hei­lungs­be­wäh­rung ist nur einer. Das Alter spielt bei der Gül­tig­keit genau­so eine Rol­le wie even­tu­el­le Hei­lungs­chan­cen. Ein chro­nisch kran­kes Kind wird gene­rell anders bewer­tet als ein Erwach­se­ner. Kin­der benö­ti­gen viel mehr Hil­fe und sind noch nicht so selbst­stän­dig wie die Gro­ßen. Dadurch ent­ste­hen für das Kind mehr Beein­träch­ti­gun­gen die es allei­ne nicht kom­pen­sie­ren kann. Es ist also nicht so ein­fach den Über­blick zu behal­ten – des­halb schät­zen vie­le Betrof­fe­ne ihren GdB zu nied­rig oder zu hoch ein und sind dann ent­we­der über­rascht oder enttäuscht.

Was steht einem Immundefektpatienten denn nun zu?

Bei der rei­nen Begut­ach­tung des Immun­de­fek­tes kommt es nicht dar­auf an unter wel­chem man lei­det son­dern wie groß die Pro­ble­me trotz der stattfindenden Behand­lung sind. Es wird kein Unter­schied zwi­schen einem IgG-Sub­klas­sen­de­fekt und einem SCID gemacht, denn der ange­bo­re­ne Immun­de­fekt an sich stellt kein Pro­blem dar. Die dar­aus resul­tie­ren­den Infek­te und deren Häu­fig­keit sind jedoch Fak­to­ren zur Berech­nung des GdB.

Bei einem ange­bo­re­nen Immundefekt

  • ohne Sym­pto­me bekommt man kei­nen GdB.
  • Wenn man trotz Behand­lung immer noch Infekt­an­fäl­lig ist, aber nicht an außer­ge­wöhn­li­chen Erre­gern erkrankt, dann steht einem ein GdB von 20 – 40 zu.
  • Wenn man trotz The­ra­pie neben einer erhöh­ten Infekt­an­fäl­lig­keit auch außer­ge­wöhn­li­che Infek­tio­nen durch­lebt und dies 1 – 2 mal im Jahr, dann steht einem ein GdB von 50 zu.

Bei schwe­re­ren Ver­laufs­for­men kommt ein höhe­rer GdB in Betracht. Das bedeu­tet, dass ab einer bestimm­ten Sym­pto­ma­tik der GdB nach oben hin offen ist. Dies ist jedoch immer eine Ermes­sens­ent­schei­dung des Sach­be­ar­bei­ters, der sich an vor­han­de­nen Befun­den und Berich­ten ori­en­tiert und an den per­sön­li­chen Aus­füh­run­gen der Antragsteller.

Und was ist mit den anderen Erkrankungen?

Man muss ganz klar wis­sen, dass unter­schie­den wird zwi­schen Fol­ge­er­kran­kun­gen und allein­ste­hen­den zusätz­li­chen Erkran­kun­gen. Das bedeu­tet, wenn man durch den Immun­de­fekt Bron­chiek­ta­sen hat, dann zählt das ein­fach mit zur Symptomatik des Immun­de­fekts und wird nicht wei­ter ange­rech­net. Wenn man aber z.B. ein zusätz­li­ches schwe­res Asth­ma hat und dadurch Bron­chiek­ta­sen entwickelte, dann kann sich ein höhe­rer GdB ergeben.

Im Fol­gen­den kom­men nun eini­ge Bei­spie­le von ande­ren Gesund­heits­stö­run­gen oder Situa­tio­nen für die ein GdB in Fra­ge kommt und die oft mit einem ange­bo­re­nen Immun­de­fekt einhergehen.

Zustand nach Knochenmark- und Stammzelltransplantation

Nach auto­lo­ger Kno­chen­­mark- oder Blut­stamm­zell­trans­plan­ta­ti­on ist der GdB ent­spre­chend der Grund­er­kran­kung zu beurteilen.

Nach allo­ge­ner Kno­chen­mark­trans­plan­ta­ti­on für die Dau­er von drei Jah­ren (Hei­lungs­be­wäh­rung), danach ist der GdB nach den ver­blie­be­nen Aus­wir­kun­gen und den even­tu­el­len Organ­schä­den, jedoch nicht nied­ri­ger als 30 zu bewerten.

Anämien

Sym­pto­ma­ti­sche Anämi­en (zum Bei­spiel Eisen­man­gelan­ämie, vit­amin­ab­hän­gi­ge Anämi­en) sind in der Regel gut behan­del­bar und bie­ten des­halb kei­ne Grund­la­ge für einen GdB.

The­ra­pie­re­sis­ten­te Anämi­en (ver­schie­de­ne Arten von Blut­ar­mut), mit gerin­gen Aus­prä­gun­gen GdB 0 – 10. Mit mäßi­gen Aus­wir­kun­gen z.B gele­gent­li­che Trans­fu­sio­nen GdB 20 – 40. Mit star­ken Aus­wir­kun­gen z.B. andau­ern­de Trans­fu­si­ons­be­dürf­tig­keit GdB 50 – 70.

Chronische Bronchitis, Bronchiektasen

Als eigen­stän­di­ge Krank­hei­ten – ohne dau­er­haf­te Ein­schrän­kung der Lungenfunktion:

leich­te Form (sym­ptom­freie Inter­val­le über meh­re­re Mona­te, wenig Hus­ten, gerin­ger Aus­wurf) GdB 0 – 10.
Schwe­re Form (fast kon­ti­nu­ier­lich aus­gie­bi­ger Hus­ten und Aus­wurf, häu­fi­ge aku­te Schü­be) GdB 20 – 30.

Bronchialasthma Erwachsene

Gerin­gen Gra­­des – sel­te­ne, oft nur sai­so­na­le, leich­te Anfäl­le GdB 0 – 20.
Mitt­le­ren Gra­des – häu­fi­ge­re und/oder schwe­re­re Anfäl­le, mehr­mals pro Monat
GdB 30 – 40.
Schwe­ren Gra­­des- Seri­en mit schwe­ren Anfäl­len GdB 50.

Eine dau­ern­de Ein­schrän­kung der Atem­funk­ti­on ist zusätz­lich zu berücksichtigen.

Bronchialasthma Kinder

Gerin­gen Gra­­des – mit sel­te­nen, oft nur sai­so­na­len, leich­te Anfäl­len ohne dau­ern­de Ein­schrän­kung der Atem­funk­ti­on und nicht mehr als 6 Wochen Bron­chi­tis im Jahr. GdB 20 – 40.
Mitt­le­ren Gra­­des – häu­fi­ge­re und/oder schwe­re Anfäl­le mit dau­er­haf­ter Beein­träch­ti­gung der Atem­funk­ti­on und 2 – 3 Mona­te Bron­chi­tis im Jahr. GdB 50 – 70.
Schwe­ren Gra­­des – Seri­en mit schwe­ren Anfäl­len und einer star­ken Beein­träch­ti­gung der Atem­funk­ti­on. Mehr als 3 Mona­te im Jahr Bron­chi­tis. GdB 80 – 100.

Chronische Mittelohrentzündung

Leich­ten Gra­­des – ohne Nar­ben­bil­dung und Fol­ge­er­schei­nun­gen GdB 0 – 10.
Schwe­ren Gra­­des – Ner­ven­schmer­zen, Poly­pen­bil­dung, Eitern GdB 20 – 40.

Chronische Nebenhöhlenentzündung

Ohne Sekret­bil­dung oder nur zeit­wei­se Sekret­bil­dung GdB 0.
Ein­sei­ti­ge dau­er­haf­te Sekret­bil­dung oder zeit­wei­se beid­sei­tig. GdB 10.
Andau­ern­de beid­sei­ti­ge Sekret­bil­dung GdB 20.

Endometriose

Leich­ten Gra­­des – gerin­ge Aus­deh­nung und gerin­ge Beschwer­den GdB 0 – 10.
Mitt­le­ren Gra­­des – mehr Aus­deh­nung und Beschwer­den GdB 20−40−
Schwe­ren Gra­­des – Über­grei­fen auf Nach­bar­or­ga­ne, erheb­li­che Ver­schlech­te­rung des All­ge­mein­zu­stan­des, Ste­ri­li­tät GdB 50 – 60.

Chronische Gastritis, Reizdarm und Reflux

Ohne wei­te­re Pro­ble­me GdB 10


Dies waren ja nur ein paar Bei­spie­le und bevor ihr jetzt in Ver­su­chung gera­tet, flei­ßig zu addie­ren, muss ich euch ent­täu­schen. Die Ein­zel­nen GdB wer­den nicht ein­fach zusam­men­ge­rech­net. Es wird immer vom höchs­ten GdB aus­ge­gan­gen und dann schaut man sich an ob die ande­ren Gesund­heits­stö­run­gen die Erkran­kung mit dem höchs­ten GdB noch zusätz­lich beein­flusst. Des­halb ist es auch wich­tig mög­lichst alle Unter­la­gen ein­zu­rei­chen und in einem aus­führ­li­chen Anschrei­ben zu erklä­ren wo genau die Defi­zi­te liegen. Nur so hat der Sach­be­ar­bei­ter oder Gut­ach­ter die Chan­ce auf eine gerech­te Beurteilung.

Wie ihr seht, es gibt also abso­lut kei­ne Pau­schal­aus­sa­gen die man tref­fen kann, denn jeder Pati­ent ist anders und doch kann man sich anhand bestimm­ter Kri­te­ri­en unge­fähr aus­rech­nen was bei einer Antrags­stel­lung rum­kom­men könnte.

Aber dann bin ich behindert!

Vie­le Men­schen schre­cken bei dem The­ma Schwer­be­hin­de­rung ab. Gera­de Eltern von chro­nisch kran­ken Kin­dern sehen sich oft in einem Kon­flikt gefan­gen. Einen Schwer­be­hin­der­ten­aus­weis zu bean­tra­gen geht ja zwangs­läu­fig mit dem Bewusst­sein ein­her, wie krank das eige­ne Kind doch ist. Es ist auch als selbst Betrof­fe­ner eine Sache zu wis­sen wie schlecht man dran ist und eine ande­re, es schrift­lich in Form eines Aus­wei­ses qua­si greif­bar und sicht­bar zu haben. Es ist ein Stem­pel der meist eher mit nega­ti­ven Asso­zia­tio­nen behaf­tet ist. Obwohl eine Schwer­be­hin­de­rung zum Bei­spiel Steu­er­erleich­te­run­gen mit sich bringt und man dadurch auch einen bes­se­ren Kün­di­gungs­schutz sowie mehr Urlaubs­an­spruch hat, bleibt ein bit­te­rer Nach­ge­schmack, wenn man sich mit der The­ma­tik auseinandersetzt.

Man muss die gan­ze Sache ein­fach aus einem ande­ren Blick­win­kel betrach­ten. Wenn man durch den Aus­weis eine aner­kann­te Schwer­be­hin­de­rung bescheinigt bekommt, dann hat man je nach höhe des GdB unter­schied­li­che Nach­teils­aus­glei­che. Genau so wie die­ses Wort schon beschreibt wor­um es dabei geht, soll­ten wir den Schwer­be­hin­der­ten­aus­weiß als Aus­gleich und klei­ne Ent­schä­di­gung für unse­re Tor­tu­ren und unse­ren Ver­zicht sehen.

Wenn ihr Hil­fe beim Antrag benö­tigt oder nicht genau wisst wie und wor­auf man ach­ten soll­te, dann kann ich euch Antrags­feh­ler und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­hil­fen ans Herz legen. In die­sem Bei­trag gebe ich Tipps für das per­sön­li­che Anschrei­ben.
In Tipps und Tricks für den Antrags-Dschun­­gel erfahrt ihr mehr um die Orga­ni­sa­ti­on einer Antrags­stel­lung und bekommt nütz­li­che Hin­wei­se um Feh­ler zu vermeiden.

Ich hof­fe die­ser Bei­trag konn­te etwas Klar­heit bei dem The­ma Immun­de­fekt und Schwer­be­hin­de­rung schaf­fen und bin gespannt auf Feedback.

Euer Ste­phan

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