Ab in die Schublade!

Winterdepression

Stephan

Lie­ber Leser und Lese­rin­nen,

heu­te möch­te ich über etwas schrei­ben, dass doch sehr vie­le Men­schen betrifft: die Win­ter­de­pres­si­on. Das Jah­res­end­zeit­tief, wel­ches dann oft in den Neu­jahrs­blues über­geht und meist erst wie­der ver­schwin­det, wenn die ers­ten war­men Son­nen­strah­len des Früh­lings die Käl­te und Dun­kel­heit ver­trei­ben. Kaum einer redet dar­über – des­halb mach ich es ein­fach.

Ich bin auch so einer, der ab Novem­ber ein ande­rer Men­sch zu sein scheint. War­um das völ­lig in Ord­nung ist und wie­so das jedes Jahr auf’s neue pas­siert, dar­um soll es in die­sem Bei­trag gehen.

Oft belächelt und doch absolut kein Spaß.

Die Win­ter­de­pres­si­on ist eine depres­si­ve Stö­rung, die in den Herbst und Win­ter­mo­na­ten auf­tritt. Sie stellt eine Son­der­form unter den affek­ti­ven Stö­run­gen da und wird im ICD10 den rezi­di­vie­ren­den, also wie­der­keh­ren­den, depres­si­ven Stö­run­gen zuge­ord­net.

Ach­tung! Wenn du selbst an Depres­sio­nen lei­dest oder gene­rell gera­de nicht gut zurecht bist, dann über­le­ge dir ob du einen emo­tio­na­len Bei­trag wie die­sen aus­hal­ten kann­st. Wenn ja, dann tei­le ich ger­ne mei­ne Emp­fin­dun­gen mit dir. Wenn nicht, ist das auch voll in Ord­nung – es kom­men ja auch wie­der bes­se­re Zei­ten.

Die Win­ter­de­pres­si­on tritt eher in unse­ren Brei­ten auf, da es bei uns ein­fach zur Win­ter­zeit dunk­ler ist als andern­orts. Wis­sen­schaft­ler haben eine inter­es­san­te Theo­rie über die Ent­ste­hung: Frü­her – also ganz viel frü­her – als wir noch in Grup­pen ums täg­li­che Über­le­ben kämp­fen muss­ten, sicher­te die Tat­sa­che, dass der Kör­per auf die kür­ze­ren Tage mit mehr Schlaf und Gewichts­zu­nah­me reagiert den Fort­be­stand der gan­zen Grup­pe. Der Orga­nis­mus fährt run­ter und schont so wich­ti­ge Res­sour­cen um durch den Win­ter zu kom­men.

Heu­te benö­ti­gen wir die­se Fähig­keit nicht mehr, weil uns immer alles zu Ver­fü­gung steht. Da der Men­sch eben doch nur ein Tier ist und uralte evo­lu­tio­nä­re Errun­gen­schaf­ten nicht ein­fach abge­schal­tet wer­den kön­nen, reagiert so man­ch ein Men­schen mit Beginn der dunk­len Jah­res­zeit auch heu­te noch gen­au so. Inter­es­sant oder?

So fängt es an

Bei mir gibt es so eine etwas län­ge­re Pha­se, in der ich mer­ke, dass es bald wie­der los geht mit der Depres­si­on. Es ist ein ganz unan­ge­neh­mes Gefühl – so wie ein bevor­ste­hen­der Ver­lust oder bei einer bösen Vor­ah­nung. Irgend­et­was stimmt dann nicht und es schleicht sich eine zwang­haft nega­ti­ve Denk­wei­se ein. In die­ser Pha­se schla­fe ich schlech­ter, also noch schlech­ter als ohne­hin schon. Ich bin dann auch sehr nahe am Was­ser gebaut.

Mein Umfeld merkt die Ver­än­de­rung mitt­ler­wei­le recht schnell, da ich gelernt habe die­sen Teil von mir zu akzep­tie­ren und ich auf­ge­hört habe mich stän­dig zu ver­stel­len. So kommt es vor, dass ich in die­ser Pre-Depri­pha­se qua­si andau­ernd gefragt wer­de, was denn los sei und war­um ich stän­dig so trau­rig gucken wür­de.

Lee­re Bli­cke strei­fen durch den Raum, denn ich bin eigent­li­ch schon ganz wo anders. Jetzt pla­gen mich auch mehr und mehr Alp­träu­me. Mein Musik­ge­schmack ändert sich – ja, ich muss sogar zuge­ben, dass ich mir dann sogar bewusst viel trau­ri­ges anhö­re.

Mein gan­zes Emp­fin­den poolt sich um. Alles was mir son­st locker von der Hand geht fällt mir zuneh­mend schwe­rer. Mei­ne son­st so gut ver­dräng­ten Zukunfts­ängs­te neh­men ein schmerz­li­ches Maß an und zu sehen wie es Men­schen schlecht geht, die mir wich­tig sind, wird manch­mal unaus­halt­bar. Doch der Tief­punkt ist noch lan­ge nicht erreicht.

Und dann bin ich mittendrin

An irgend­ei­nem Tag ist es dann soweit. Ich wache auf und könnt heu­len. Jemand guckt mich an und ich wei­ne – ohne Grund, ohne dass irgend etwas gewe­sen ist. Ich sit­ze am Lap­top und mir lau­fen die Trä­nen. Das geht dann von ein paar Tagen bis zu zwei Wochen so und ich kann rein gar nichts dage­gen tun.

Hier ein Lob an mein enge­res Umfeld, wel­ches die­sen Zustand ein­fach mit­trägt ohne mich zu ver­ur­tei­len oder genervt zu sein. In die­ser wirk­li­ch sehr anstren­gen­den Pha­se reflek­tie­re ich das ver­gan­ge­ne Jahr und, naja, also Grün­de zum trau­rig sein hab ich ja genug.

Zu die­sem Zeit­punkt geht es mir auch kör­per­li­ch nicht gut. Ich bin ein wan­deln­der soma­ti­sie­ren­der Zom­bie und da wo ich mei­ne Zim­per­lein son­st gern mal igno­rie­re wer­den sie plötz­li­ch uner­träg­li­ch – das The­ma krank sein wird zum Dau­er­bren­ner in mei­nem Kopf. War­um ich? War­um ich? War­um ich?

Okay, also die­se wirk­li­ch nur kur­ze Zeit des Emo­ti­ons­e­go­is­mus steht mir dann doch auch ein­fach mal zu. Man kann mich ja ein­fach igno­rie­ren. Es ist schon okay, ich bin ja eh nichts wert und über­haupt: ›ne Zukunft mag ich mir über­haupt nicht aus­ma­len.

Hab ich schon erwähnt, wie schlecht es mit geht? Ach ne, Moment, irgend­wie äuße­re ich das dann ja gar nicht, son­dern las­se alles an mei­nem Umfeld aus oder ver­su­che alles zu über­spie­len. Das geht dann meis­tens schief und endet in Streit, wel­cher dann in einem klei­nen Ner­ven­zu­sam­men­bruch endet.

So war es bis jetzt eigent­li­ch jedes Jahr. Je schlim­mer die Ereig­nis­se des dahin­schei­den­den Jah­res, umso aus­ge­präg­ter sind auch all die eben beschrie­be­nen Situa­tio­nen. Doch was bedeu­tet das?

Eigent­li­ch nur, dass ich reflek­tie­re und mir Gedan­ken mache. Natür­li­ch ist es hart sich die ver­gan­gen Ent­täu­schun­gen des Lebens so bewusst zu machen, doch auf der ande­ren Sei­te neh­me ich die­se Last dann nicht mit ins neue Jahr. Ich sage ja immer: Was raus muss gehört auch raus.

Höhepunkte meiner Tiefphasen

Ich ken­ne mei­ne Aus­lö­ser für die Depres­si­on und ich rede jetzt nicht vom Sero­to­nin­man­gel durch feh­len­des Licht. Bei mir wur­de schon vor vie­len Jah­ren fest­ge­stellt, dass ich gene­rell weni­ger Glücks­hor­mo­ne habe als nor­mal – was ja aber an sich noch kein Grund dar­stellt jedes Jahr so eine klei­ne Wesens­ver­än­de­rung durch zu machen. Den Man­gel an Glück im Blut habe ich schließ­li­ch ganz­jäh­rig.

Es sind bestimm­te Daten die in mir die­ses Gefühls­cha­os aus­lö­sen. Ja, um gen­au zu sein der 23. Dezem­ber, der 24.Dezember und der 31. Dezem­ber – Mein Geburts­tag, Hei­lig­abend und Sil­ves­ter.

Echt jetzt? Ja, mein abso­lu­ter Ern­st. Die­se Tage sind für mich ein­fach nega­tiv vor­be­las­tet. Das hat vie­le Grün­de, auf die ich jetzt gar nicht im ein­zel­nen ein­ge­hen kann. Auf jeden Fall geht es mit an all die­sen drei Tagen nicht gut und zwar so wenig gut, dass ich nor­ma­ler­wei­se mei­nen Geburts­tag nicht feie­re und grund­sätz­li­ch den »hei­li­gen Abend« mit wei­nen ver­brin­ge – wenn auch nur inner­li­ch.

An Sil­ves­ter lau­fen die Trä­nen pas­send im Takt zum Knal­len der Rake­ten. Aber hey, ich bin ja selbst schuld wenn ich mich durch ein Datum so ver­rückt machen las­se.

Gesund wäre ich glücklicher

Eine gro­ße Rol­le spielt bei allem auch der Immun­de­fekt und eben alles was dar­an hängt. Wo führt das alles noch hin und wie lan­ge macht mein Kör­per noch bestimm­te Din­ge mit. Was ist wenn die Schmer­zen zuneh­men oder wenn doch plötz­li­ch ein Lymph­kno­ten bös­ar­tig wird. Kann ich alles wei­ter so leis­ten wie ich es möch­te oder wird mir da bald wie­der ein Brems­klotz vor die Füße gewor­fen? Wie viel Zeit habe ich über­haupt?

Laut Wiki­pe­dia müss­te ich jetzt die Hälf­te mei­ner Lebens­er­war­tung erreicht haben. Kann ich wei­ter für mei­ne Liebs­ten da sein und wol­len mei­ne Liebs­ten alles so wei­ter mit­ma­chen? Ja, es sind fie­se und gemei­ne Gedan­ken aber die sind nun mal da. Ich glau­be, dass es sehr vie­le chro­ni­sch kran­ke Men­schen gibt die auch gen­au die­se Gedan­ken­gän­ge haben.

Klar, man kann nie wis­sen was pas­siert und man soll sich ja nicht ver­rückt machen, aber trotz­dem hat man die­se Ängs­te und Sor­gen. Ich fin­de, das ist bis zu einem gewis­sen Punkt auch ganz nor­mal. Wenn man nun aber eh in einer nach­denk­li­chen Pha­se ist, ja dann kön­nen eben gen­au die­se The­men die See­le ziem­li­ch quä­len. Da kann man nur auf Ver­ständ­nis hof­fen.

Wie gehe ich damit um

Man kann sich natür­li­ch kom­plett die­sen Gefüh­len hin­ge­ben – nur endet so was dann in der Regel nicht gut. Des­halb ist es wich­tig ein­fach wei­ter zu machen, Struk­tu­ren zu bewah­ren und den Gefüh­len Platz ein­räu­men ohne sich von ihnen über­man­nen zu las­sen.

Mei­ne Arbeit hilft mir dabei genauso wie der per­sön­li­che Aus­tau­sch mit ande­ren. Ich sage mir immer, es wird auch wie­der anders. Mir ist mitt­ler­wei­le bewusst, dass es auch wirk­li­ch wie­der anders wird! Ich wer­de jetzt nicht mit Flos­keln um mich schmei­ßen, denn die brin­ge eh nichts. Jemand der gera­de mit­ten­drin steckt in der Depres­si­on, ja, der kann mir gut gemein­ten Rat­schlä­gen meist sowie­so nichts anfan­gen.

Ich bin auch kein Psy­cho­lo­ge oder The­ra­peut, viel­mehr möch­te ich dem The­ma ein Gehör geben und es ent­ta­bui­sie­ren. Zu wis­sen was los ist kann ja oft schon der ers­te Schritt sein damit sich etwas ändert.

Was kann man tun

Ob nun pflanz­li­che Mit­tel wie Johan­nis­kraut oder bestimm­te Anti­de­pres­si­va – es gibt da auf medi­ka­men­tö­ser Ebe­ne schon eini­ges was man machen kann. Das Mit­tel ers­ter Wahl ist und bleibt bei Win­ter­de­pres­si­on aber die Licht­the­ra­pie. Durch ein bestimm­test Licht­spek­trum gau­kelt man dem Gehirn ein­fach Tages­licht vor – so kann man dem Kreis­lauf der Win­ter­de­pres­si­on wirk­li­ch gut ent­ge­gen­wir­ken.

Ihr soll­te auf jeden Fall dar­über reden und wenn nötig einen Pro­fi auf­su­chen. Schä­men muss sich kei­ner dafür! Tut euch etwas Gutes und lasst es zu wenn man euch Gutes tun will.

Ihr dürft nur nie ver­ges­sen, dass auch wie­der ande­re Zei­ten kom­men.

Euer Ste­phan

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